zum Inhalt springen

Call for Papers - Deutsch

 

CURIOSITAS

42. Kölner Mediaevistentagung
7.–11. September 2020

In der Rehabilitierung der theoretischen Neugierde sah Hans Blumenberg das herausragende epochenspezifische Merkmal, das der Neuzeit gegenüber der Antike und vor allem gegenüber dem Mittelalter ihre epochale Eigenständigkeit verleihe. Damit sei zudem der entscheidende Grund für die Geburt des modernen Wissenschaftsverständnisses benannt, das zuvor nicht zuletzt durch den theologisch moti­vierten curiositas-Vorbehalt in seiner Entfaltung gehindert worden sei. Als einer der frühesten ­historischen Zeugen gilt Augustinus, der im Anschluss an den römischen Stoizismus und in Auseinandersetzung mit Manichäismus und Gnosis die c­uriositas als fehl­geleitete und im Grunde eitle und schädliche Neugier beschreibt, die der weisheit­lichen Orientierung an den ewigen und göttlichen Dingen entbehrt und auf diese Weise zu einem Kardinallaster wird. Hierbei wird die falsche Augenlust (concupiscentia oculorum) zum Modell triebhafter Selbstgenügsamkeit des »kuriosen« Sich-selbst-Überlassens an die Welt der Erscheinungen.

Augustins Bestimmung und Verständnis der curiositas hat in der Tat Konjunktur gehabt. Sie bestimmt begriffsgeschichtlich und konzeptionell den Diskurs um das The­orieverständnis im lateinischen Abendland. Hierbei scheint der Begriff der curiositas in seiner Bedeutung festglegt: als Laster steht die vana curiositas komplementär zur concupiscentia, die sich orientierungslos und selbstbezüglich auf die falschen Gegen­stände richtet (Theater, Magie, Sterne, Begierden). Zudem ist die curiositas, die als Fehlform des studium veritatis cognoscendae einer inordinatio appetitus entspringt, der Ausgangspunkt des Sündenfalls.

Jedoch ist damit die Frage nach der theoretischen Neugier nicht beantwortet. Das gilt nicht nur für den keineswegs auf diese kritische Sicht festgelegten lateinischen Sprach­raum, sondern erst recht für alle Kultur- und Sprachräume, für die Augustinus weder begriffsgeschichtlich noch konzeptionell den Ausgangspunkt für den Diskurs über die theoretische Neugierde bildet. Der gemeinsame Referenzpunkt ist eine weitaus ältere Gegengeschichte. Diese findet sich gleich zu Beginn von Aristoteles’ Metaphysik. Es ist die Geschichte des Primats der theoretischen Neugier als eines Naturverlangens, eines desiderium naturale sciendi, das ein anthropologisches Existential darstellt, welches in der Neugier des Sehsinns (aisthesis, visus) positiv präformiert ist. Die Wesensgemäßheit der theoretischen Neugier, die sich durch ihre bloße Verwirklichung rechtfertigt und keiner Bezugnahme auf einen Daseinszweck bedarf, ist zudem bezogen auf die Freiheit und auf die Selbstverwirklichung des Menschen.

Dieses Ideal wird mit dem Ende der Antike nicht vollständig sistiert, um in der Neuzeit wiederentdeckt und erneut in sein Recht gesetzt werden zu müssen. Es lebt vielmehr fort in den Sprach- und Kulturräumen, die sich in Kontinuität mit der spätantiken hellenis­tischen Kultur in die Auslegungstradition des Aristoteles einschreiben und auch dessen Ideal der theoretischen Neugierde und das damit einhergehende Wissenschaftsverständ­nis teilen und fortentwickeln. Dabei kommt es in der Begegnung mit den gleichfalls the­oretischen Ansprüchen der nunmehr theologisch reflektierten Offenbarungsreligionen zu neuen Fragestellungen und Problemanzeigen, vor allem hinsichtlich der Reichweite, der möglichen Gefahren und der Grenzen der theoretischen Neugier. Hierbei wird die Gotteserkenntnis zum Ernstfall des theoretischen Erkenntnisstrebens zwischen Selbstüberhebung und Vergöttlichung, die allerding nicht mehr nur Ergebnis der eigenen Er­kenntnisleistung sein kann. Auch das reflektiert der Begriff der curiositas sowie verwand­te Begriffe, die jedoch einer systematischen Bearbeitung harren. Der Mensch, der sein will wie Gott, der mit dem Teufel einen Pakt schließt, der gefallene Engel oder Dämon als derjenige, der gefährliches oder verbotenes Wissen besitzt und den Neugierigen zu verlocken und zu verführen trachtet – alle diese Motive reflektieren den Umstand, dass die menschliche Neugier keine bloße Naturkraft ist, die sich gleichsam von selbst ihr Ziel sucht, sondern dass auch die theoretische Erkenntnis verantwortet werden muss.

Es geht der 42. Kölner Mediaevistentagung um die Rehabilitierung der theoretischen Neugierde für eben jenes Millennium, das wir Mittelalter nennen. Dieses lange Jahrtausend, das sich in ungebrochener Kontinuität mit der Antike sieht und in vielerlei Hinsicht weit in die Neuzeit hineinreicht, ist zudem so vielfältig, dass eine epochenspezifische Kennzeichnung ihre anfängliche Plausibilität, eine komplexe Situation auf den Begriff gebracht zu haben, schnell wieder einbüßt. An die Stelle von normativen Wertungen soll daher eine auch zeitlich und räumlich weitgespannte Untersuchung treten, um die begriffliche, motivische und konzeptionelle Entfaltung der theoretischen Neugier im Spannungsfeld theoretischer, kultureller, institutionel­ler und religiöser Determinanten zu verfolgen und damit zugleich aus der eurozent­rischen und epochenfixierten Engführung zu befreien.

Wie breit das mögliche Themenspektrum der 42. Kölner Mediaevistentagung ist, sei im Folgenden exemplarisch angedeutet.

1. Es gilt zunächst das Wortfeld der theoretischen Neugierde zu erforschen. Welche sind die komplementären Begriffe zu curiositas, was ihre Konnotationen? Welche Äquivalente gibt es im Griechischen, Arabischen und Hebräischen, aber auch in den Volkssprachen? Gibt es im Zuge der Übersetzungsprozesse Bedeutungsverschiebungen? Damit verbunden ist eine vergleichende Epistemologie der Unterscheidung zwischen »richtigen« und »falschen« Einstellungen zum Wissenserwerb und der entsprechenden Methoden.

2. Was heißt es, eine theoretische Einstellung einzunehmen? Gibt es kulturelle Unter­schiede oder einen Bedeutungswandel hinsichtlich der theoretischen Einstellung – etwa mit Bezug auf die Gegenüberstellung von vermeintlich »reiner« Theorie und Nutzen, von Erkenntnisgewinn und Daseinsfristung? Ändert sich das in der Antike vorherrschende Verständnis, dass die theoretische Neugierde nicht so sehr darauf abzielt, das Leben möglich, sondern es glücklich zu machen?

3. Was sind die bevorzugten (wissenschaftlichen) Gegenstandsbereiche der theoretischen Neugier? Die Astronomie, mit der schon Aristoteles das eigentümlich theore­tische Interesse beginnen lässt? Die Theologie, die sich auf das schlechthin Höchste und Absolute richtet, auf die Theorie um der Theorie willen? Die Wunder der Natur, die auf natürliche Phänomene oder auf göttliches Eingreifen zurückgehen?

4. Als desiderium naturale ist die theoretische Neugier ein anthropologisches Exis­tential, das näher bestimmt werden müsste. Inwiefern ist auch die curiositas in ihrer Ambiguität Ausdruck dieses Existentials und welche Konsequenzen hat dies für die Frage der Legitimität? Kann der Mensch etwas nicht wissen wollen? Sind wir von Natur aus faustische Menschen?

5. Damit stellt sich auch die Frage der Grenzüberschreitung neu. Gibt es ein natür­liches Maß der theoretischen Neugier? Oder ist diese nicht auf ihre vollkommene Aktualisierung in einem allumfassenden spekulativen oder enzyklopädischen Wissen (scire omnia / omne scibile) ausgelegt?

6. Mit dem Begriff der curiositas verbindet sich nicht nur der Vorwurf der Grenzüberschreitung, sondern auch ein kritisches Grenzbewusstsein der theoretischen Neugierde. Wie bestimmt das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit den kritischen curiositas-Diskurs? In welchen Zusammenhängen und auf welche Weise wird dieses Bewusstsein artikuliert? Welche Rolle spielen religiöse bzw. theologische Kontexte?

7. Aufmerksamkeit sollte auch den Fehlformen der curiositas gelten, dem Laster der Neugier und den korrelierenden Lastern. Wo und wie wird diese Kritik an der theoretischen Neugier eingesetzt? Welchen Einfluss hat sie im wissenschaftlichen oder im gesellschaftlichen Kontext? Oder zeigen sich in dieser Einbettung der curiositas in die Tugendlehre Ansätze einer Ethik des Wissens?

8. Ebenso ambivalent wie die Einstellung zur theoretischen Neugier ist die Ästhetik der theoretischen Neugierde. Der aisthesis als Prototyp des Wissensverlangens steht die concupiscentia oculorum als Ausdruck der vana curiositas gegenüber. Wie wird dieser Zwiespalt ästhetisch artikuliert? Gibt es eine spezifische Ikonographie der curiositas?

9. Welche literarischen Figuren und Textgattungen repräsentieren die theoretische Neugierde bzw. die curiositas in ihrem affirmativen wie negativen Bedeutungs­spektrum? Welche literarischen Stoffe werden übernommen und weiterentwickelt? Auf welche Weise spiegeln sich in den literarischen Konventionen die Dynamiken der curiositas-Diskurse wider?

10. Reisen und Entdecken stehen exemplarisch für die Neugierde, die über den damit verbundenen praktischen Nutzen weit hinausgeht. Gerade in dem langen Jahrtausend, dem unser Interesse gilt, bedeutet die zunehmende Mobilität zugleich einen umfangreichen interkulturellen Austausch von Wissen, die Erschließung und Übersetzung neuer Wissensgebiete, die Begegnung mit neuen Kulturen –angetrieben von der curiositas, der ungebremsten Neugierde, in bislang unbekannte Gefilde aufzubrechen. Wie wird diese Mobilität reflektiert und dokumentiert? Auf welche Weise zeigt sich ihr gesellschaftlicher und kultureller Einfluss?

Diese Fragen können und wollen nicht mehr sein als erste Anregungen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzen. Sie wollen vielmehr eine Einladung zum Weiterdenken sein. Hierbei hoffen wir, dass das Thema hierzu viele Anknüpfungspunkte bietet. Wie stets strebt die Kölner Mediaevistentagung eine möglichst gro­ße ­interdisziplinäre Bandbreite an. Daher laden wir Philosophen und Theologen, Historiker und Philologen, Literatur- und Kulturwissenschaftler, Kunst- und Wissen­schaftshistoriker, etc. ein, sich mit einer Fragestellung aus ihrem Fachbereich oder mit einer interdisziplinären Problemstellung an der 42. Kölner Mediaevistentagung zu beteiligen. Unser Ziel ist es, Sehgewohnheiten in Frage zu stellen und zu überdenken und so neue Perspektiven zu eröffnen.

Lassen Sie mich mit der Bitte schließen, uns Ihre Themenvorschläge zusammen mit einem Abstract (ca. 1 Seite) nach Möglichkeit bis zum 31. Juli 2019 zuzusenden (thomas-institutSpamProtectionuni-koeln.de). Ganz besonders würde ich mich freuen, Sie im kommenden Jahr zur 42. Kölner Mediaevistentagung persönlich begrüßen zu können. Bitte leiten Sie diese Einladung gerne auch an Kolleginnen und Kollegen weiter, die noch nicht in unserer Adressdatei stehen oder lassen Sie uns die Adresse möglicher Interessenten zukommen. Herzlichen Dank!

In der Erwartung Ihrer Vorschläge verbleibe ich mit den besten Grüßen
Andreas Speer

 

Wissenschaftliche Leitung und Organisation:
Prof. Dr. Andreas Speer (andreas.speerSpamProtectionuni-koeln.de)
Robert Maximilian Schneider, M.A. (robert.schneiderSpamProtectionuni-koeln.de)
Thomas-Institut der Universität zu Köln
Universitätsstraße 22
D-50923 KÖLN
Tel.: +49/(0)221/470-2309
Fax: +49/(0)221/470-5011
Email: thomas-institutSpamProtectionuni-koeln.de
www.kmt.uni-koeln.de · www.thomasinst.uni-koeln.de