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Call for Papers - Deutsch

 

41. Kölner Mediaevistentagung, 10.-14. September 2018

 

Die Bibliothek: Denkräume und Wissensordnungen

 

 

Im digitalen Zeitalter scheint uns langsam, aber unaufhaltsam die Erfahrung dessen zu entgleiten, was einmal eine Bibliothek war: ein Zugang zu einer beträchtlichen, aber begrenzten Menge an Büchern, die nur an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Bedingungen verfügbar waren; eine gewissen Kriterien unterliegende Sammlung, die einer sinnvollen und feststehenden Ordnung bedarf, damit dort überhaupt etwas gefunden werden kann. Alle diese Einschränkungen des unmittelbaren Zugriffs auf jedes beliebige Buch werden angesichts globaler Suchmaschinen und weit ausgreifender Suchalgorithmen mehr und mehr aufgehoben. Wie sehr sich dadurch unsere Lese- und Arbeitsbedingungen praktisch verändern, erfahren wir jeden Tag. Welche Folgen sich daraus für unsere Konzeptionen des Wissens und Forschens ergeben, ist jedoch allenfalls erst in vagen Umrissen erkennbar.

Wenn wir also die Bibliothek zum Thema einer Mediaevistentagung machen, dann geschieht dies in der Absicht, durch die Untersuchung der Frage, wie sich Bibliotheken in ihren verschiedenen Gestalten und Erscheinungsformen in die intellektuellen Prozesse und ihre sozialen und materiellen Bedingungen einfügten und in diese hineinwirkten, auch etwas Grundsätzliches über das Verhältnis von Bibliothek und Wissen zu erfahren, das unsere Reflexion über die aktuellen Umbrüche sowie allgemeiner über die Bedingungen und Mechanismen der Erkenntnis zu schärfen vermag. Wir betrachten hierzu – gemäß dem Rahmen unserer Tagung – ein Jahrtausend, in dem Bibliotheken eine bedeutende Rolle für die Weitergabe des Wissens über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zukam. Bibliotheken waren Orte, an denen gedacht und geschrieben, übersetzt und kopiert wurde.

Denn eine Bibliothek ist nicht bloß eine Ansammlung von Büchern, die auf ihre Nutzer warten. Bibliotheken sind Räume des Denkens und Institutionen geordneten Wissens. Sie spiegeln die Fragen ihrer Zeit und bewahren sie auch für künftige Zeiten. Sie sind demnach privilegierte Orte der Teilhabe an jenem Wissen, zu dem wir mit unseren Büchern selbst etwas beitragen. Schon früh wurden die medialen Träger des Wissens an Orten gesammelt, an denen sie aufbewahrt, studiert und vervielfältigt werden konnten. Dies waren Archive aller Art und vor allem Bibliotheken. Diese gewährten und gewähren je nach Größe und Konzeption Zugang zu einer bestimmten und zugleich begrenzten Menge an medialen Trägern von Wissen: seien es Schriftrollen, Urkunden, Handschriften oder Bücher, Mikrofilme oder Datenbanken.

Im Begriff der Bibliothek zeigt sich die Interdependenz von ideeller und materieller Kultur, die Verflechtung von Wissensgeschichte und institutionellen Kontextbedingungen. Am Anfang aller großen Rezeptionsbewegungen stehen Bücher oder Textkorpora. In diesem Zusammenhang bilden Bibliotheken jene Denkräume, welche die gedanklichen Entwürfe zum einen widerspiegeln, zum anderen erst eröffnen. So manche Wissensordnung entspringt bibliothekarischer Praxis, die ihrerseits wiederum – implizit oder explizit – Ausdruck einer theoretisch fundierten Wissensordnung sein kann, die sich uns erst über dieses Praxiswissen erschließt. 

Es ergeben sich somit viele Ausgangspunkte für eine interdisziplinäre Herangehensweise an unser Tagungsthema. Einige Fragen seien im Folgenden angesprochen, ohne dass ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird.

(i) Zunächst stellt sich die Frage nach dem Entstehen und Vergehen von Bibliotheken: Wo gibt es sie? Wer besitzt sie? Wer legt sie an? Wie wird gesammelt? Woher stammen die Bücher? Was sind ihre Preise? Wie entwickelt sich der Bestand über die Zeit? Wie erfolgt die Aufbewahrung, die Aufstellung, die Benutzung? Wer sind die Nutzer? Welchen Regeln unterliegt die Benutzung? Wer überwacht sie und wie? Was tun die Nutzer unter welchen Umständen mit den Büchern, z.B. lesen, kopieren, glossieren, beschädigen, stehlen...? Wann und wie werden Kataloge angelegt? Nach welchen Systemen? Gibt es Punkte, an denen ein bewusster Umbau einer Bibliothek erfolgt? Aus welchen Gründen? Was sind die Gründe für den Verlust von Bibliotheken?

(ii) In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie Bibliotheken von Zeitgenossen wahrgenommen und beschrieben werden. Mit welchen Absichten werden sie aufgesucht? Wer ist hierzu befugt? Wem ist der Zugang verwehrt? Wie gestaltet sich ein Aufenthalt in der Bibliothek? Gibt es ein Bewusstsein von den spezifischen Eigenschaften einer bestimmten Bibliothek, Schilderungen des Erlebnisses einer Bibliothek, ihres Reichtums oder ihrer Lücken?

(iii) Hiermit eng verbunden ist die Imagination einer Bibliothek: Wie werden Bibliotheken in literarischen Texten und in der Malerei dargestellt, und zwar einerseits tatsächlich existierende und andererseits stereotype, erfundene, erträumte? Welche geistigen Erfahrungen (z.B. Einsicht, Erleuchtung, Bekehrung, Langeweile) werden mit Bibliotheken verbunden? Was sagt die äußere Gestaltung der Bibliothek (z.B. Truhe, Lesepulte, Räume, Gebäude) und ihrer Bücher (z.B. Einbände, Illumination) über ihre Bedeutung und die Vorstellungen ihrer Besitzer aus? Welche Vorstellungen und Wünsche schließlich prägen die (verwirklichte oder nicht verwirklichte) Planung einer Bibliothek?

(iv) Bibliotheken als Ensembles von Texten sind nicht notwendig gebunden an einen bestimmten Ort und an eine konkrete materielle Gestalt. Wir rekonstruieren ideelle Bibliotheken und erforschen dabei, was ein Autor gelesen haben mag, welche Quellen einem Leser zur Verfügung gestanden haben, wie zu einer bestimmten Zeit eine inzwischen verlorene Bibliothek ausgesehen haben könnte. Das digitale Zeitalter eröffnet zudem völlig neue Möglichkeiten für die Erschaffung idealer Bibliotheken, die hinsichtlich ihres Anspruchs auf Vollständigkeit und Präsenz über historische Vorbilder weit hinausgehen und für die Forschung bisher nicht gekannte Perspektiven eröffnen. Hierbei erschließt die Rekonstruktion der Bibliothek eines Autors nicht nur dessen geistigen Kosmos, sondern vermittelt auch einen Einblick in den Gang seines Forschens, der Suche nach bestimmten Texten, ihre Auswahl und Zusammenstellung sowie die wahrgenommenen Lücken, die dann durch die eigene Produktion ergänzt werden.

(v) Zum Verständnis einer Bibliothek gehören ferner ganz wesentlich die Klassifizierung, der Lektüreleitfaden, die Leseordnung, das Ausbilden von Systemen. Nimmt man beispielsweise die aristotelischen und platonischen Textkorpora (aber nicht nur diese), so sind Bibliothek und Wissenschaftseinteilung eng miteinander verbunden. Es gibt eine Bibliothek der scholastischen und der mystischen Theologie, für Mediziner, Juristen und Astronomen. Auf diese Weise wird zugleich ein Kanon gebildet, gelehrt, überliefert, gewandelt, ersetzt. 

(vi) Darüber hinaus sind Bibliotheken die Grundlage von Intertextualität. Sie stellen somit Ansprüche an die Kenntnisse der Leser. Auf welche Weise wird dieses besondere Wissen vermittelt? Gibt es Kernbestände in Bibliotheken für einen übergreifenden fachlichen Diskurs? In welchem Umfang beeinflussen Bibliotheken die Lese- und Zitiergewohnheiten ihrer Nutzer?

(vii) In disziplinärer Hinsicht umspannt das Thema verschiedene Bereiche, die je nach den betrachteten Bibliothekstypen sowohl getrennt als auch in möglicher Verbindung auftreten können: Klosterbibliotheken, Universitätsbibliotheken, Hofbibliotheken, die Bibliotheken von Professoren (z.B. Amplonius), von Ärzten (z.B. Arnald von Villanova), von gelehrte Prälaten (z.B. Cusanus), Schriftstellern (z.B. Richard von Fournival, der u.a. eine Biblionomia verfasste), von Ratsherren, Rabbinern oder reisenden Scholaren reflektieren die Interessen ihrer Nutzer und Sammler. Vielfältige Gesichtspunkte ergeben sich durch Einbeziehung der byzantinischen Kultur, der jüdischen Tradition und der islamischen Welt mit ihren teils ganz anderen Voraussetzungen, zum Beispiel der großen Dominanz von Privatbibliotheken.

(viii) Bibliotheken sind von alters her Orte des Medientransfers: von der Schriftrolle über das Pergament zum Papier, vom Manuskript über den Buchdruck zum digitalen Speichermedium. Transferprozesse bergen stets die Gefahr von Verlusten. Nur selten werden Bestände vollständig von einem Medium in das andere überführt. Bestimmte technische und gesellschaftliche Veränderungen lassen sich durch das Prisma der Bibliothek betrachten, etwa die Einführung des Papiers, des Buchdrucks, der zunehmenden (auch wissenschaftlichen) Literatur in den Volkssprachen. Wie wird dieser Medienwandel und Medientransfer thematisiert? Welche Bedeutung hat er für den Bestand einer Bibliothek?

 

Wie stets strebt die Kölner Mediaevistentagung eine möglichst große interdisziplinäre Bandbreite an. Daher laden wir Philosophen und Theologen, Historiker und Philologen, Literatur- und Kulturwissenschaftler, Kunst- und Wissenschaftshistoriker, etc. ein, sich mit einer Fragestellung aus ihrem Fachbereich oder mit einer interdisziplinären Problemstellung an der 41. Kölner Mediaevistentagung zu beteiligen. Unser Ziel ist es, Sehgewohnheiten in Frage zu stellen und zu überdenken und so neue Perspektiven zu eröffnen. 

 

Lassen Sie mich mit der Bitte schließen, uns Ihre Themenvorschläge zusammen mit einem Abstract (ca. 1 Seite) nach Möglichkeit bis zum 15. August 2017 zuzusenden (thomas-institut(at)uni-koeln.de). 

Ganz besonders würde ich mich freuen, Sie im kommenden Jahr zur 41. Kölner Mediaevistentagung persönlich begrüßen zu können. Bitte leiten Sie diese Einladung gerne auch an Kolleginnen und Kollegen weiter, die noch nicht in unserer Adressdatei stehen oder lassen Sie uns die Adresse möglicher Interessenten zukommen. Herzlichen Dank!

 

In der Erwartung Ihrer Vorschläge verbleibe ich mit den besten Grüßen

 

Köln, im März 2017

 

Andreas Speer

 

 

 

Wissenschaftliche Leitung und Organisation:

 

Prof. Dr. Andreas Speer  (andreas.speer@uni-koeln.de)

Lars Reuke, M.A.  (lreuke1@uni-koeln.de)

Thomas-Institut der Universität zu Köln

Universitätsstraße 22

D-50923 KÖLN

 

Tel.: +49/(0)221/470-2309

Fax: +49/(0)221/470-5011

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